Ihr werdet immer ein Projekt sein
Geschichten von der Erfindung des Ichs

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Auf einer Odyssee quer durch die ostdeutsche Provinz in einem geklauten Lada: Maik Klingenberg (Tristan Gรถbel, links) und Andrej Taschichatschow (Anand Batbileg) im Film Tschick von Fatih Akin. Foto: Entertainment Picture/eyevine/Laif

โ€žWie froh, dass ich weg bin!โ€œ, schreibt Werther am 4. Mai 1771 seinem โ€žlieben Freundโ€œ Walther. Das ist nicht einfach nur ein โ€šIch bin dann mal wegโ€˜, eine Entschuldigung des schwรคrmerischen Werthers dafรผr, sich aus dem Staub gemacht zu haben, weil er der โ€žarmen Leonoreโ€œ den Kopf verdreht hat, โ€žwรคhrend die eigensinnigen Reize ihrer Schwester mir eine angenehme Unterhaltung verschafftenโ€œ.

Es ist vielmehr ein veritabler Knaller, mit dem Goethes noch in seiner frรผhen Sturm-und-Drang-Zeit entstandener epochemachender Briefroman Die Leiden des jungen Werthers (so der originale Titel von 1774) beginnt. โ€žEs ist ein Neuanfangโ€œ, sagt Oliver Jahraus, Ordinarius fรผr Neuere deutsche Literatur an der LMU, und zwar ganz besonders auch in philosophischer Perspektive. Am Anfang steht das โ€žIchโ€œ, philosophisch gesprochen das โ€žSubjektโ€œ, das bis dahin zwar schon gedacht werden konnte, aber erst dabei war, auch literarisch in Erscheinung zu treten. โ€žDer Neuanfangโ€œ, so Jahraus, โ€žist der Selbstbegrรผndungsakt des absoluten Subjekts โ€“ in und durch die Literatur.โ€œ Doch in dem Augenblick, in dem das Subjekt die Bรผhne betritt, am absoluten Anfang des Briefromans, entzieht es sich sogleich: โ€žWie froh, dass ich weg bin!โ€œ.

Das Wort โ€žIchโ€œ des Romans steht stellvertretend fรผr ein โ€“ genau nicht anwesendes โ€“ Subjekt. Zeichen im Allgemeinen und Literatur im Besonderen verweisen auf โ€“ oder erzรคhlen von โ€“ etwas, das nicht anwesend ist. Damit steht der Werther sowohl in der Mitte der bis heute รคuรŸerst wirkungsmรคchtigen philosophischen Tradition des Subjektdenkens als auch am Ursprung der modernen Literatur โ€“ und er begrรผndet damit eine eigene literarische Gattung: die Jugendliteratur. Wie ist das zu verstehen?

Einer gegen alle

Werther liebt Lotte โ€“ und zwar extrem und gegen jede Konvention. Er ist, das mussten Generationen von Schรผlern im Unterricht durchkauen, ein empfindsamer Mensch, ganz seinen Gefรผhlen, seiner โ€žNaturโ€œ unterworfen und steht in Opposition zur vermeintlich verkรผnstelten Gesellschaft und insbesondere zum schon zur Maske erstarrten Adel. So weit, so bekannt โ€“ und doch deutlich zu kurz gesprungen. โ€žWas Werther erlebt, erlebt ein junger Mensch seiner Zeit zum ersten Malโ€œ, sagt Oliver Jahraus, โ€žWerther ist ein exemplarisches Schicksal, fรผr das, wofรผr die Figur steht, und fรผr die Literatur selbst.โ€œ Der Werther reflektiert damit auch von Anfang an die Bedingungen der modernen Literatur als Jugendliteratur.

Kernthema des Briefromans, so Jahraus ist die Sozialisation des Individuums. Es muss die gesellschaftlichen Regeln lernen, um Teil der Gesellschaft zu werden, die Werther so vehement kritisiert mit seinem authentischen Liebesbegriff. In der Literaturgeschichte vor den Leiden des jungen Werthers war das kein erzรคhlenswertes Problem. Doch mit dem neuen Fokus der Literatur auf die Sozialisation entsteht gleichzeitig auch die Gegenbewegung der Individualisierung. Der Briefroman verhandelt das Verhรคltnis von Individuum und Gesellschaft einerseits und der als authentisch empfundenen Liebe andererseits vor der Folie der Literatur: โ€žSie stand auf ihren Ellenbogen gestรผtzt, ihr Blick durchdrang die Gegend; sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge trรคnenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte: โ€šKlopstockโ€˜!โ€œ So verstanden, ist Literatur Jugendliteratur, weil an der Jugend das literarische Thema schlechthin verhandelt wird: Sozialisation versus Individualisierung.

Das Magische Theater des Subjekts

โ€žAlle Mรคdchen sind dein! Einwurf eine Markโ€œ, lautet die Inschrift auf einer Tรผr im โ€žMagischen Theaterโ€œ, das Harry Haller in Herrmann Hesses Der Steppenwolf (1927) mithilfe eines riesigen Spiegels betritt. Was zunรคchst wie der feuchte Traum eines Pubertierenden anmutet, erweist sich โ€“ ebenfalls โ€“ schnell als literarisch-subjektphilosophisches Traktat: โ€žIch sah, einen winzigen Moment lang, den mir bekannten Harry, nur mit einem ungewรถhnlich gutgelaunten, hellen, lachenden Gesicht. Aber kaum, daรŸ ich ihn erkannt hatte, fiel er auseinander, lรถste sich eine zweite Figur von ihm ab, eine dritte, eine zehnte, eine zwanzigste, und der ganze Riesenspiegel war voll von lauter Harrys oder Harry-Stรผcken.โ€œ Eine Art von Deconstructing Harry, sagt Oliver Jahraus und spielt damit auf Woody Allen an. In dem Film (im Deutschen Harry auรŸer sich) wird ein Schriftsteller von seinem Erzรคhlprinzip regelrecht eingeholt, Versatzstรผcke aus eigenem Erleben und dem seines Umfeldes nur leicht verfremdet zu Romanen zu montieren.

Doch das allein macht den Steppenwolf noch nicht zum seinerzeit und dann nochmals in der 1968er-Generation รคuรŸerst erfolgreichen Jugendbuch. Entscheidend ist vielmehr, so Jahraus, dass der Text stark affirmativ gelesen werden kann und auch wurde. Indem Harry Haller alle mรถglichen Entwรผrfe seines Ichs ausagiert, macht der Steppenwolf jungen Menschen ein Angebot zur Identifikation. Gleichzeitig seziert Hesse wie Goethes Werther mit seinem โ€žMagischen Theaterโ€œ den Antagonismus von Individuum und Gesellschaft. โ€žHesses Romane sind grandiose Gesellschaftskritikenโ€œ, so Jahraus, โ€žund Hesse ist ein stark unterschรคtzter Autor.โ€œ

Es geht also nicht darum, ob Werther hรคtte รผberleben oder der Steppenwolf Haller glรผcklich werden kรถnnen. Philosophisch betrachtet ist Literatur, sagt Jahraus, โ€žein Lackmustest fรผr Verfahren als Verfahren.โ€œ Sie ist eine Versuchsanordnung, in der Verfahren wie die Konstruktion eines Ichs durchgespielt werden. Jugendromane folgen einer Doppelbewegung: Einerseits sind sie โ€žeine groรŸartige technische Institution von Literatur, ein Reflexionsmedium zur Diagnose ihrer jeweiligen Gesellschaftโ€œ. Andererseits haben sie aber auch ein hohes Identifikationspotenzial. Denn, so sagt Jahraus, sie versprechen den jungen Lesern: โ€žDie Gesellschaft wird so werden wie ihr. Das Bewusstsein, das sich da ausbildet, wird das Bewusstsein der Gesellschaft sein.โ€œ So laden sie ein zur affirmativen Lektรผre, โ€žsonst wรคren sie keine Jugendliteratur.โ€œ Aktuell bleibt der Steppenwolf indes durch sein ganz spezifisches Verfahren. Das โ€žMagische Theaterโ€œ, in dem der Romanheld Haller die verschiedenen nicht realisierten Optionen seiner Vita durchlebt und gewissermaรŸen Facetten seines Ichs zusammensetzt, antizipiert die Struktur Sozialer Medien, so Jahraus: โ€žDas ,Magische Theaterโ€˜ ist eine Vorwegnahme der Identitรคtskonstruktion im virtuellen Raum.โ€œ

Lehrjahre des Gefรผhls als passionslose Passion

Der Titel von J.D. Salingers Der Fรคnger im Roggen (1951) verdankt sich der Fehllektรผre eines ursprรผnglich erotischen Gedichts: โ€žDu kennst doch das Lied ,Wenn einer einen fรคngt, der durch den Roggen kommtโ€˜. Ich wรผrde gerne … Das heiรŸt ,Wenn einer einen trifft, der durch den Roggen kommtโ€˜, sagte die gute Phoebe. ,Das ist ein Gedicht von Robert Burns.โ€˜โ€œ Wieder Lyrik also, die als Chiffre fรผr den erwachenden Eros fungiert, aber falsch gelesen. Der im nรผchtern-protokollartigen Stil verfasste Fรคnger im Roggen beschreibt โ€žLehrjahre des Gefรผhlsโ€œ, erklรคrt Oliver Jahraus: โ€žDer Ich-Erzรคhler ist ein unglaublicher Seismograph, er zeichnet alles auf, was in der amerikanischen Gesellschaft in seinem gehobenen Milieu passiert, blickt immer auf das Negative und entlarvt so die bรผrgerlichen Lebensbedingungen wie zum Beispiel die Zwรคnge der Vรคter.โ€œ Planlos irrt der melancholische Ich-Erzรคhler durch verschiedene Bildungsinstitutionen, durch die Stadt New York, durch sein erotisches Begehren. Eine Reise ohne Ziel, eine bittere Reise, denn nichts von dem, was passieren mรผsste, passiert: Der Held fliegt nicht dauerhaft von der Schule, der Vater maรŸregelt den aufbegehrenden Sohn nicht und aus dem erotischen Abenteuer wird auch nichts โ€“ Sozialisation durch Scheitern: โ€žDer Fรคnger im Roggen ist eine Adventsgeschichteโ€œ, sagt Jahraus, โ€ždoch die Apotheose und die Passion bleiben aus. Die Mรคrtyrerrolle, die Werther noch einnehmen konnte fรผr die Jugend und fรผr die Moderne, steht nicht mehr zur Verfรผgung.โ€œ

Jugendromane sind zu ihrer Zeit hรคufig รคuรŸerst umstritten und gelten wie der Werther, Der Steppenwolf oder Der Fรคnger im Roggen zumeist als amoralisch, weil sie Konventionen angreifen oder negieren und das Scheitern der Sozialisation des Individuums in den jeweiligen Gesellschaftsformen zeigen. Aber tatsรคchlich โ€žgeht es nicht um das Scheitern der Subjektkonstruktionโ€œ, betont Oliver Jahraus: โ€žDie Literatur selbst beobachtet nicht das Negative, sondern mithilfe des Negativen das, was ist.โ€œ

Furchterregende Leere

Wie der Ich-Erzรคhler im Fรคnger im Roggen so irrt auch der Ich-Erzรคhler in Christian Krachts Faserland von 1995 allerdings nicht durch das Nachkriegs-New York, sondern durch das gerade wiedervereinigte Deutschland. Von Sylt im Norden bis schlieรŸlich im Sรผden รผber die Schweizer Grenze reist der Held, getrieben von einer โ€žfurchterregende(n) Leereโ€œ, voll des Zynismus der turbokapitalistischen 1990er-Jahre. Das ziellose Ende der bildungsbรผrgerlichen Langeweile-Odyssee: das Grab von Thomas Mann am Zรผrichsee, das der Erzรคhler aber wegen der einbrechenden Dunkelheit nicht findet, bis ein geradezu mephistophelischer โ€žschwarzer Hundโ€œ auf eines der Grรคber โ€žkacktโ€œ. Ob es tatsรคchlich dasjenige von Thomas Mann war, bleibt unklar. Es ist die Absage an eine Tradition, in die sich der Erzรคhler gerade durch die Negation selbst ironisch einschreibt. โ€žChristian Krachtโ€œ, sagt Jahraus, โ€žist jener Autor der westlichen Erzรคhlliteratur, der das erzรคhlerische Experiment am radikalsten vorangetrieben hat.โ€œ

In Faserland scheint alles zu scheitern, bleibt jeder Entwurf glรผcklos, findet der Erzรคhler nicht zu sich selbst. โ€žGlรผcken wรคre ein Paradoxโ€œ, sagt Jahraus denn auch. Ein Happy End verbietet sich, das Subjekt kann in einem รคsthetischen beziehungsweise philosophischen Sinne niemals zu sich selbst kommen. Die Suche nach dem eigenen Ich bleibt eine immerwรคhrende Odyssee ohne Heimkehr nach Ithaka. Denn Jugendliteratur sagt der Jugend: โ€žIhr werdet immer ein Projekt seinโ€œ. Das Projekt ist, damit spielt Jahraus auf Habermas‘ Definition der Moderne an, โ€žintrinsisch unvollendetโ€œ, von ihrer Anlage notwendigerweise unabgeschlossen. Die Modernitรคt der Jugend kommt zwangslรคufig an kein Ende. Deswegen endet auch der Werther mit dem Tod. Das Subjekt stirbt, das Projekt der Sozialisation aber ist eben nicht abgeschlossen: Jugendliteratur lรคsst sich so definieren als โ€žรคsthetischer und politischer Entwurf des Subjekts: Die Gesellschaft entwickelt sich nicht in etablierten Strukturen, sondern in Jugendlichen, ihren Aufbrรผchen, ihren Plรคnen und ihrem Scheitern.โ€œ

Die รคsthetischen Irrfahrten der Adoleszenz

Auf Odyssee quer durch die ostdeutsche Provinz gehen mit einem geklauten Lada auch der wohlstandsverwahrloste Maik Klingenberg und sein neuer Freund, der Spรคtaussiedler Andrej Tschichatschow, genannt Tschick. Auch das eine Reise zu sich selbst voll bildungsbรผrgerlicher Zitate und Anspielungen auf Hesse und Salinger. Und auch das, natรผrlich, eine (verkorkste?) Liebesgeschichte: โ€žIsa hatte ihr T-Shirt noch immer nicht angezogen, und vor uns lagen die Berge mit ihrem blauen Morgennebel, der in den Tรคlern vorne schwamm, und dem gelben Nebel in den Tรคlern hinten, und ich fragte mich, warum das eigentlich so schรถn war. Ich wollte sagen, wie schรถn es war, oder jedenfalls wie schรถn ich es fand und warum, oder wenigstens, dass ich nicht erklรคren konnte, warum, und irgendwann dachte ich, es ist vielleicht auch nicht nรถtig, es zu erklรคren. ,Hast du schon mal gefickt?โ€˜, fragte Isa.โ€œ

Das Identifikationsangebot von Jugendliteratur ist immer zeittypisch: In Goethes Werther affirmativ, bei Hesse esoterisch, in Salingers Fรคnger schon gebrochen, in Faserland zynisch und bei Tschick von Wolfgang Herrndorf und spรคter auch in einer Verfilmung von Fatih Akin ironisch. Es ist eine Bewegung, die sich immer weiter ausdifferenziert, โ€žes gibt keine Gegenbewegung mehrโ€œ. Und deswegen verlagert sich das Narrativ, die Funktion des Literarischen in andere Medien hinein, etwa in die Sozialen Medien, erklรคrt Jahraus. GroรŸe Geschichten รผber die Gesellschaft, einst Hoheitsgebiet des (bรผrgerlichen) Gesellschaftsromans wurden ausgelagert auf (Netflix-)Serien. Und das Individuum konstruiert sich heute in den Sozialen Medien. Dort bietet der Avatar, das Alter Ego in der virtuellen Welt, vรถllig neue รคsthetische Mรถglichkeiten, sich selbst zu entwerfen. Die Jugendliteratur hat damit den โ€žStaffelstab weitergegebenโ€œ, denn diese Geschichte der Erfindung des eigenen Ichs muss immer wieder neu erzรคhlt werden.

Zwei, die auch auรŸerhalb der Social-Media-Welt Furore gemacht haben: Klimaaktivistin Luisa Neubauer und Rezo mit seiner CDU-Schelte. Sind Influencer entscheidende neue Rollenmodelle? Foto: Julia von der Heide

Das รคsthetische Subjekt

Wie Der Fรคnger im Roggen und wie Faserland so hat auch Tschick ein offenes Ende, weil keine Rรผckschau mรถglich ist. So wird die Offenheit der modernen Gesellschaft erhalten und gleichzeitig doch eine Art รคsthetische Autonomie etabliert: โ€žร„sthetischer Fundamentalismus beruht auf einer radikalisierten Form von Autonomieโ€œ, folgert Jahraus und zieht eine radikale Konsequenz: โ€žWenn nun aber das erzรคhlerische Experiment die Frage nach der Mรถglichkeit eines รคsthetischen Fundamentalismus aufwirft, dann ist der Ich-Erzรคhler als Erzรคhler Subjekt und als erzรคhlte Figur gleichzeitig Objekt eben jenes erzรคhlerischen Experiments.โ€œ Er muss sich zwangslรคufig verfehlen, weil genau das in der ร„sthetik als einem Prozess der Selbsterkenntnis angelegt ist. ร„sthetisch sein kann daher kein Ding, vielleicht noch nicht einmal ein Kunstwerk oder ein literarischer Text โ€“ รคsthetisch ist eine Kennzeichnung von Prozessen, und zwar von Prozessen, die sich zu sich selbst verhalten, die reflexiv werden. ร„sthetisch sind Subjekte in ihrem Subjektsein.โ€œ

Aber genau das ist es, was avancierte Jugendliteratur vor Augen fรผhrt, denn sie reflektiert die Bedingungen, unter denen ein autonomes Subjekt รผberhaupt erst entstehen beziehungsweise existieren kann. Im idealistischen und subjektphilosophischen Kontext, aus dem heraus ja die Jugendliteratur entstanden ist, โ€žbedingen die Begriffe ร„sthetik und Autonomie einander geradezuโ€œ.

Was die Narrative in den Sozialen Medien vom Jugendroman unterscheidet, ist die Geschwindigkeit und die zunehmende Synchronizitรคt des Erzรคhlens. Biographien werden nicht mehr in aufsteigender Weise, sondern synchron angelegt, weil das Subjekt immer mehr Rollen gleichzeitigspielt. Die Frage ist, so Jahraus, welches Komplexitรคtsmanagement wir entwickeln, welche (notwendigen) Reduktionsmechanismen es gibt und wie wir mit den Entwรผrfen unseres Ichs umgehen. Ein entscheidendes neues Rollenmodell sind die Influencer: Einerseits sind sie Produkt derhohen Komplexitรคtssteigerung in der Moderne. Andererseits besteht ihre Rolle genau darin, fรผr die User Komplexitรคt zu reduzieren und die immer komplexere Welt verstehbar zu halten.

Was bleibt, so Jahraus, ist die nonchalante Erkenntnis, dass wir alle mit den รคsthetischen Irrfahrten รคlter geworden sind: Bei all den Versuchen, das Ich zu erfinden, โ€žgeht es nicht darum, wie im Pop das Leben zu einem Kunstwerk zu machen. Es geht auch nicht darum, in einem รผberkommenen und naiven Idealismus das Leben mithilfe der Kunst zu transzendieren, sondern es geht darum, รคsthetisch zu existieren โ€“ oder gar nicht.โ€œ

Maximilian Burkhart


Prof. Dr. Oliver Jahraus

ist Ordinarius fรผr Neuere Deutsche Literatur und Medien an der LMU. Jahraus, Jahrgang 1964, studierte Germanistik und Philosophie in Mรผnchen und wurde an der LMU mit einer Arbeit zu Thomas Bernhard promoviert. Dort lehrte und forschte er zunรคchst, wechselte dann an die Universitรคt Bamberg, wo er sich mit einer Arbeit รผber Literatur als Medium habilitierte. Im Jahre 2005 wurde er an die LMU berufen. Seit 2019 ist Oliver Jahraus Vizeprรคsident fรผr den Bereich Studium und Lehre der LMU.

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