Treffpunkt Sommer. Englischer Garten, Mรผnchen. Foto: Martin Siepmann/ImageBROKER/Picture Alliance
Lange bekamen Kinder und Jugendliche wenig Aufmerksamkeit, dann galten sie als potenzielle Treiber der Pandemie. Doch wie es ihnen unter Corona geht, wie sie mit der Isolation klarkommen โ das war bislang kein groรes Thema. Mittlerweile aber sehen manche Fachleute im Schatten der Krise eine โverlorene Generationโ heranwachsen. Szenarien fรผr eine Jugend nach dem Lockdown.
Was ist fรผr Kinder und Jugendliche in Deutschland mit Corona dramatisch anders geworden?
Sabine Walper: Im Verlauf der Pandemie mit den anhaltenden Kontaktbeschrรคnkungen haben sich Kinder und Jugendliche zunehmend einsam gefรผhlt. Viele Studien und auch unsere eigenen Daten zeigen, wie stark sie das psychisch belastete. Kontakte zu Gleichaltrigen zu haben, ist besonders fรผr Jugendliche zentral. Sich selbst zu positionieren, seine Rolle zu finden, zu erkennen, wer man ist und wer nicht, dafรผr brauchen Jugendliche den direkten Austausch mit Gleichaltrigen. Das ist ganz entscheidend, um im sozialen Bereich und bei der Entwicklung der Persรถnlichkeit voranzukommen. Und genau da gab es einen dramatischen Einschnitt.
Gerd Schulte-Kรถrne: Wir sprechen immer von den Jugendlichen und den Kindern, aber das ist natรผrlich keine homogene Gruppe. Ein groรer Teil der Kinder und Jugendlichen ist mit der Krise gut zurechtgekommen. Aber nicht wenigen ging es richtig schlecht. Das sind nicht nur die, die schon vor Corona psychisch krank waren. Besonders betroffen waren Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien, die in engen Wohnungen leben, die keine Ressourcen haben. Die haben sich vor der Krise gerade noch รผber Wasser halten kรถnnen, waren dann aber mit der Situation des Homeschoolings komplett รผberfordert. Viele Eltern, die wahrscheinlich sonst nie in die Klinik gekommen wรคren, waren bei uns und haben gesagt: Wir schaffen das nicht mehr. Familien, die kein Geld haben, um ihre Kinder zuhause zu unterstรผtzen, Familien, bei denen beide Eltern arbeiten mรผssen und niemand die Kinder daheim betreuen kann. Diese Kinder und Jugendlichen saรen dann eben den ganzen Tag vor dem Fernsehen oder dem Rechner. Sie hatten nicht genug Bewegung, bekamen keine Bildung und hatten weder soziale noch kรถrperliche Kontakte.
Lรคsst sich sagen, wie groร diese Gruppen waren?
Schulte-Kรถrne: Man geht Studien zufolge davon aus, dass normalerweise zwischen acht und zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen wegen psychischer Probleme behandlungsbedรผrftig sind. Diese Werte sind unter Corona auf zwรถlf bis 14 Prozent angestiegen.

Das Jugendalter als Entwicklungsphase unterschรคtzt
Gibt es denn Rรผckmeldungen, wie Jugendliche insgesamt diese Zeit empfunden haben?
Walper: Aus den Befragungen wissen wir, dass sich der Groรteil der Jugendlichen nicht gehรถrt fรผhlte. Die Jugendlichen machen der Politik Vorwรผrfe, komplett ausgeblendet zu haben, wie es fรผr sie im Lockdown eigentlich war. Es ist viel รผber die Arbeitsteilung in Familien diskutiert worden und darรผber, ob wir gerade ein Rollback in die 1950er erleben. Es ist auch intensiv รผber Kleinkinder und deren Betreuungssituation gesprochen worden. Und die Jugendlichen? Die kamen ganz zum Schluss. Es war, als mรผsste diese Altersgruppe alleine klarkommen.
Wieso?
Walper: Es wird vรถllig unterschรคtzt, wie wichtig das Jugendalter als Entwicklungsphase ist und welche Bedรผrfnisse Jugendliche haben. Nicht nur die Familien gingen mit unterschiedlichen Voraussetzungen in den Lockdown, sondern auch die Jugendlichen selbst. Gerade manche Stรคrken haben sie in der Zeit der Pandemie auch verletzlicher gemacht. So sehen wir einen deutlichen Anstieg der Depressivitรคt bei Jugendlichen. Es traf gerade auch Gesellige, Extrovertierte, die normalerweise ihr soziales Netzwerk haben und gut zurechtkommen. Aber genau in diesem Bedรผrfnis, mit anderen zusammen zu sein und enge Beziehungen zu haben, waren und sind sie in der Pandemie von ihrer Welt abgeschnitten.
Frenzel: Jugendliche wurden nicht nur bis heute nicht gefragt nach ihren Bedรผrfnissen. Sie unterliegen ja faktisch auch hรคrteren Regeln als viele andere Bevรถlkerungsgruppen. Selbst wรคhrend der Lockdown-Phasen gab es Ausnahmen fรผr jede Menge Arbeitnehmer โ aber keine fรผr Schรผler. Schulen und โ nebenbei bemerkt โ auch Universitรคten zuzusperren, war politisch offenbar leichter durchsetzbar.
Der Aufbruch in die Autonomie โ blockiert
Pubertรคt und Jugendalter sind die Phase, in der man sich von den Eltern absetzt. In der Pandemie aber waren Eltern und Kinder zusammengezwungen. Mit welchen Folgen?
Walper: Das Klima in der Familie ist enorm wichtig. Wie kommen die Eltern miteinander klar, wie ist ihr Erziehungsverhalten? Dort, wo sich das Klima deutlich
verschlechterte und es mehr Stress und รngstlichkeit gab, gar nicht mal die groรen Konflikte, hat das auch die Jugendlichen nicht unberรผhrt gelassen. Zudem war die so wichtige Auรenorientierung kaum mรถglich. Erste tastende Liebesbeziehungen etwa sind oft schnell wieder durch, wenn sich die Jugendlichen ein paar Wochen nicht sehen und nicht anfassen kรถnnen. Dieser ganze Bereich der romantischen Entwicklung lag mehr oder minder brach.
Schulte-Kรถrne: Die gesamte Autonomieentwicklung war in dieser Zeit massiv gestรถrt. In der Klinik ist es eines der wichtigen Therapieziele, Jugendliche, die da Schwierigkeiten haben, zu fรถrdern. Gerade bei den jungen Mรคnnern haben wir enorme Spannungen bemerkt. Sie waren wรผtend und fragten sich: Wer interessiert sich eigentlich fรผr uns? Wer schert sich um unsere ganz normalen Bedรผrfnisse? Wir werden als diejenigen hingestellt, die die Regeln brechen.
Und die Jรผngeren?
Schulte-Kรถrne: Die haben ja oft auch eine Menge mitgemacht in ihrer emotionalen Entwicklung. Wie sollten sie lernen, plรถtzlich mit รngsten umzugehen, die sie zuvor meist nicht gekannt hatten? Wenn beispielsweise die Groรeltern erkrankt waren und die Kinder nicht ins Krankenhaus durften, um sie zu besuchen. Das konnten sie nicht begreifen. Also musste man mit ihnen daran arbeiten zu verstehen, dass vielleicht auch ein geliebter Mensch stirbt, den sie nicht mehr sehen kรถnnen. Das hat sie extrem belastet und mitunter dazu gefรผhrt, dass eine normale Trauerreaktion zu einer schweren Depression wurde, die psychotherapeutisch behandelt werden musste. Da war stilles Leiden in den Familien. Alle haben sich nur fรผr die Corona-Maรnahmen interessiert, aber was da in Einzelfรคllen in den Familien los war, ist untergegangen.
Was ist da konkret รผbersehen worden?
Schulte-Kรถrne: Sicher, viele Familien haben die Belastungen einigermaรen kompensieren und den Alltag neu strukturieren kรถnnen. Andere Familien sind daran gescheitert. Zum Teil haben die Eltern ihre Jobs verloren, sie waren dann auch existenziell bedroht. Welchen emotionalen Belastungen Familien in dieser Zeit ausgesetzt waren, davon erzรคhlen die Daten. Zum Beispiel hat bei Erwachsenen der Konsum von legalen, aber auch von illegalen Substanzen in der Coronakrise deutlich zugenommen. Die Gewalt in den Familien hat stark zugenommen und damit die Gefรคhrdungen des Kindeswohls. Wir haben in der Klinik auch an anderer Stelle gemerkt, wie die Versorgung von Kindern nicht mehr geklappt hat. Wenn wir Kinder und Jugendliche entlassen, gehen sie oft in Einrichtungen der Jugendhilfe, dem fรผr die nรคchsten Schritte geeigneten therapeutischen Setting. Doch unter Corona hat die Jugendhilfe signalisiert, sie kรถnne niemanden aufnehmen. Wir mussten die Kinder dann in die zuvor schon รผberforderten Familien zurรผckentlassen. Dies hat nicht selten dazu gefรผhrt, dass die Kinder nach kurzer Zeit wieder stationรคr behandelt werden mussten.

Das strapazierte Gerechtigkeitsgefรผhl
Auf der einen Seite fรผhlen sie sich nicht gehรถrt, auf der anderen nimmt man sie fรผr vieles in die Pflicht, was wir Erwachsenen nicht geschafft haben. Und jetzt sollen sie auch noch die Impfquote retten. Was macht das mit dem Gerechtigkeitsgefรผhl der Jugendlichen?
Walper: Als die Maรnahmen gelockert wurden, hatte man schon das Gefรผhl, der Dampfdeckel geht hoch. Da hat sich enormer Druck entladen. Auf den Straรen wie etwa in der Mรผnchner Tรผrkenstraรe war schon viel los, die Jugendlichen sind รผber Autos gesprungen, รผberall lagen Mรผll und zerbrochene Flaschen. Das scheint sich jetzt wieder etwas gelegt zu haben.
Schulte-Kรถrne: Wobei die Wut sicher zum Teil Ausdruck einer Verzweiflung, einer emotionalen Krise war. Viele Jugendliche sind vor allen Dingen unter Stress geraten, weil sie gemerkt haben, dass sie auch in der Schule abgehรคngt sind. In unsere Sprechstunde kommen jetzt zunehmend Jugendliche, die verzweifelt sind, weil der Notendruck wieder da ist.
Gibt es auch Faktoren, die Kinder und Jugendliche resilienter gemacht haben?
Frenzel: Es gibt qualitative Daten, dass sich gewisse Werte sich fรผr die Jugendlichen herauskristallisiert haben. Sie wissen genauer, wer ein guter verlรคsslicher Freund ist, zu dem man eben trotz Einschrรคnkungen den Kontakt halten konnte. Sie erkennen, dass Schule ein Ort ist, an den man auch gerne kommen kann, weil man da Gleichgesinnte Menschen trifft. Das war fรผr alle derart selbstverstรคndlich, dass sie erst in der Krise lernten, das รผberhaupt zu schรคtzen. Also: Die Schรผlerinnen und Schรผler sind zwar jetzt mit den Lerndefiziten aus der Coronazeit konfrontiert. Aber vielleicht haben sie aus der Zeit des Lockdowns Schule auch anders zu sehen gelernt.
Inwiefern?
Frenzel: Zugespitzt formuliert hatte Schule in der Coronazeit etwas von Reformpรคdagogik. Im Homeschooling sind die Leistungsanforderungen fast auf null gegangen. Es wurden keine Noten mehr vergeben. Die Lernkontexte waren viel offener, es wurde von den Schรผlerinnen und Schรผlern erwartet, dass sie sich selbst organisieren; das wurde ihnen aber auch zugetraut und zugestanden. Und in der neuen Situation, die schockartig hereingebrochen war, hat mitunter fast eine Verbrรผderung, auf jeden Fall ein Zusammenrรผcken von Lehrenden und Lernenden stattgefunden โ gegen einen รคuรeren Feind, das Virus. Schule und Lernen war in Zรผgen so, wie manche Reformer es sich wรผnschen: ein Angebot von Lerninhalten, die gemeinsam und mit viel Autonomie-Spielraum erarbeitet werden.
Das klingt doch gut.
Frenzel: Das Problem ist nur, dass Schule bis dahin gรคnzlich anders funktioniert hat โ keine Lernangebote, sondern Vorgaben von Wissensinhalten, welche in der nรคchsten Schulaufgabe abgeprรผft werden; unter dauernder Androhung schlechter Noten. Angesichts dessen hat es im Homeschooling bei vielen Schรผlerinnen und Schรผlern erstaunlich gut mit der Selbstregulation geklappt, das lieรe sich tatsรคchlich als Ressource verbuchen.
Die ganz reale virtuelle Welt
Viele Jugendliche haben sich in der Zeit des Lockdowns zum Teil gut in der digitalen Welt eingerichtet und dort ihre Netzwerke genutzt und erweitert. Die Internetnutzung ist ja unter Erwachsenen immer eher kritisch konnotiert. Fรคllt das Urteil jetzt milder aus?
Walper: Das gehรถrte zu den wenigen Mรถglichkeiten, Kontakte zu halten, sich zuhause zu beschรคftigen und auch zu lernen, die einem offenstanden. Und das ist ja auch besser als gar nichts. Von daher haben wir alle einen starken Digitalisierungsschub erlebt, nicht nur die Schulen, die teils immer noch hinterherhinken. Gerade fรผr die Jugendlichen war das Netz natรผrlich ein wichtiges Medium. Dass sie damit alles kompensieren konnten, glaube ich aber eher nicht.
Schulte-Kรถrne: Sie waren schon vorher extrem gut vernetzt. Die Ausstattung mit Smartphones und die Zeit, die Kinder und Jugendliche im Netz verbringen, nimmt stetig zu. Die durchschnittliche Nutzungszeit bei Grundschulkindern lag letztens bei 3,5 Stunden pro Tag, bei Grundschulkindern!
Aber ist es nicht eine vitale Reaktion auf das Abgeschiedensein, wenn Jugendliche abends im Netz unterwegs sind und dabei nicht nur zocken, sondern auch Plattformen zum Chatten haben?
Schulte-Kรถrne: Der unaufhaltsame Boom der sozialen Medien – entschuldigen Sie die klinische Brille, die ich jetzt wieder aufsetze – ist auch mit mehr Cybermobbing verbunden. Es gibt noch keine Daten, ob sich das in der Coronazeit noch verstรคrkt hat. Die Chance, sich sozial zu vernetzen, kรถnnte auch das Risiko erhรถht haben, Mobbing ausgesetzt zu sein. Und in der Pandemie konnten sich Betroffene erst recht nicht wehren, weil das Netz die einzige Form des Austausches bot.
Als Erwachsene sind wir gewohnt zu sagen, Face-to-face-Kontakt ist gut und digitaler Kontakt ist bestenfalls Ersatz. Aber stimmt fรผr die Jugendlichen diese Trennung zwischen realer und digitaler รผberhaupt noch, ganz abgesehen von der Wertung? Wรคchst da nicht eher zusammen, was fรผr sie zusammengehรถrt?
Walper: Fรผr Jugendliche gehรถrt tatsรคchlich beides dazu. Es gibt nur eine ganz kleine Gruppe, die nicht auch online mit ihren Freunden unterwegs ist. Es ist fรผr sie gerade dieses Zusammenspiel von Prรคsenz und digitalen Kontakten, der schnelle Austausch von kurzen Nachrichten. Allein das frei flieรende Hin- und Her, bis eine Verabredung steht, ist ganz normale Kommunikation unter Jugendlichen. Und es haben sich ja viele technische Hilfsmittel fรผr ein virtuelles Zusammensein ausgebildet โ vom Spielen bis zum gemeinsamen Serien-Schauen fรผr jedem im eigenen Zimmer.
Schulte-Kรถrne: Ich wรผrde nicht von der einen und der anderen Welt sprechen. Real hat sich das schon lรคngst verรคndert, wir als Erwachsene hinken da eher hinterher. Die Frage ist nur, was wir aus verschiedener Perspektive empfehlen. Natรผrlich findet viel Kommunikation im Netz statt, das ist real, aber die persรถnliche Begegnung ersetzt das einfach nicht, das hat eine andere Qualitรคt und Intensitรคt. Die digitale Welt ist, was die Sensorik angeht, visuell, vielleicht noch auditiv, aber die anderen sensorischen Bereiche werden nicht bedient. Das ist eine Verarmung der Wahrnehmung von Erlebnissen.
Haben wir die Jugendlichen auch im digitalen Raum allein gelassen?
Schulte-Kรถrne: Wir mรผssten uns tatsรคchlich viel mehr mit diesen Lebenswelten auseinandersetzen und kompetenter werden. Einfach nur den Stecker zu ziehen, das funktioniert nicht.

Was Schule zu einem sozialen Raum machen kann
Im Netz waren die Jugendlichen im Lockdown viel unterwegs, mit schulischen Dingen aber deutlich weniger beschรคftigt als zuvor. Schule ist aber nicht nur ein Ort der Wissensakkumulation, sondern vor allem auch ein sozialer Ort. Wie lรคsst sich das stรคrken?
Frenzel: Meines Erachtens stellt sich die Frage so nicht. Denn alle Beobachtungen zeigen mir, dass Schule unter den Jugendlichen gerade eine viel grรถรere Wertschรคtzung erfรคhrt als sonst. Viele haben sich darauf gefreut, wieder hinzugehen. Und das ist seit Langem mein Mantra: Die Schulen mรผssen dieser neuen Stimmung unter den Jugendlichen jetzt auch Raum geben, fรถrdern, dass es fรผr sie eine Ressource ist, ein Ort, an dem sie Freunde treffen und mit diesen gemeinsam lernen. Es darf nicht der Ort sein, an dem man stillsitzt, nicht der Ort, an dem nur von Lernrรผckstรคnden die Rede ist, die es gilt, schnell aufzuholen. Sonst kippt das leicht wieder. Den Lehrkrรคften geht es doch auch so: Sie sind froh, ihre Schรผler wieder vor sich sitzen zu haben und ihnen den Lernstoff nicht mehr nur auf Plattformen hochladen zu mรผssen.
Schulte-Kรถrne: Will man Schule wirklich zu einem sozialen Raum machen, mรผsste man sie anders gestalten. Das fรคngt schon damit an, wie sie gebaut sind. Begegnungsbereiche sind da meist nicht vorgesehen und wenn, dann als kleine Pausenhรถfe. Vor allem aber ist der Unterricht nicht als soziale Begegnung gestaltet, sondern vornehmlich dazu da, um in einem strengen Korsett mรถglichst viel Wissen zu vermitteln. Das ganze Bildungssystem hat ja vor allem das Ziel, fรผr die nรคchste Ausbildungsphase zu qualifizieren. Es stellt sich aber die Frage, wie sinnvoll es ist, auf Abschlรผsse als Bildungsgaranten zu setzen. Dadurch entsteht automatisch enormer Druck.
Walper: Ich glaube, dass wir jetzt die Erfahrungen gemacht haben, dass anders zu unterrichten wirklich gut sein kann fรผr alle Beteiligten. Das simple Schema des Flipped Classroom, das Schรผlern die Mรถglichkeit gibt, sich Dinge zunรคchst selber zu erarbeiten und den Unterricht dann dafรผr zu nutzen, um darรผber zu sprechen. Das wรคre ein sozialer Raum, den man da schafft, anders als mit dem klassischen Frontalunterricht. Ich hoffe, dass diese Erfahrungen sich nutzen lassen, um Schule weiterzuentwickeln. Dazu brauchen wir eine gewisse Ruhe. Im Moment beobachte ich aber eine aufgeregte Diskussion um die vielen Lerndefizite und eine vermeintlich verlorene Generation. Das droht eher eine Panik anzuheizen und alte Muster wiederzubeleben.
Frenzel: Meines Erachtens liegen zwei Mรถglichkeiten auf der Hand. Das eine ist die Ganztagsschule. Schule als sozialen Raum nutzen zu kรถnnen, ist schlicht auch eine Frage der Zeit, der gemeinsamen Verweildauer. Das andere wรคre eine Art Moratorium. Warum kรถnnen wir nicht die Zeit um mindestens ein halbes Schuljahr zurรผckdrehen, was den erwarteten Leistungsstand angeht? Das wรผrde einiges an Druck herausnehmen. Zumindest am Gymnasium lรคge das auf der Hand, man kรถnnte es aber an allen Schularten machen. Es wundert mich, dass das รผberhaupt nicht in der Diskussion ist.
Schulte-Kรถrne: Die Schule mรผsste sich auch รถffnen. Der Ganztag bietet die Chance, mit anderen Partnern im sozialen Netz zu kooperieren. Gerade in einer Stadt wie Mรผnchen gibt es viele psychosoziale Angebote. Wenn man denen in der Schule Raum gรคbe, Angebote zu machen, lieรe sich viel erreichen.
Walper: Es gibt einzelne Schulen, die das schon intensiv machen, aber es wรคre Zeit fรผr eine breitere Initiative. Wahrscheinlich ist die leichter im Grundschulbereich als in der Sekundarstufe anzusiedeln, da dort jetzt der Ganztagsanspruch gesetzlich verankert ist. Das Land Nordrhein-Westfalen grรผndet gerade 40 Familiengrundschulzentren, die genau ein solches Konzept verfolgen und die Beratungs- und Elternbildungs- sowie weitere Angebote in die Schulen holen und dort institutionell verankern. Man wird im Ganztag auch die Sportvereine mit hereinholen mรผssen, weil sonst die Kinder erst abends um acht zum Fuรballtraining kommen. Und es braucht gute Konzepte, den Ganztag so zu gliedern, dass es kein pures Lernprogramm from nine to five ist.

โWir brauchen ein Aufholprogramm in Unbeschwertseinโ
Ihre Kritik an einer forcierten Aufholjagd wรผrden die meisten Jugendlichen wahrscheinlich sofort unterschreiben. In einer der Medienumfragen, in denen es um das derzeitige Lebensgefรผhl von Jugendlichen ging, hat ein Mรคdchen es so formuliert: โWir brauchen ein Aufholprogramm in Unbeschwertseinโ.
Frenzel: Das brauchen wir wohl alle.
Schulte-Kรถrne: Wohl wahr.
Aber die Jugendlichen haben es zuerst formuliert. Wie kรถnnte denn so etwas aussehen?
Schulte-Kรถrne: Zunรคchst einmal: den Druck rausnehmen. Man kann nicht alles aufholen, nicht alles kompensieren, was sie versรคumt haben. Geringerer Druck bedeutet ein geringeres Stressniveau. Und das ist, denke ich, was die Jugendlichen eigentlich meinen. Die hatten die ganze Zeit Druck, auch in der Coronazeit. Und sie wรผnschen sich eine Phase, in der der Druck nachlรคsst, sie wรผnschen sich, nicht stรคndig das Gefรผhl zu haben oder vermittelt zu bekommen, defizitรคr zu sein und etwas hinterherzuhinken, das man nicht erreichen kann. Man darf nicht vergessen, dass sie erschรถpft sind.
Wovon erschรถpft?
Schulte-Kรถrne: Wir Erwachsenen kรถnnen besser vorausahnen, wie es weitergeht. Aber Kinder und Jugendliche waren mit diesem โauf Sicht fahrenโ extrem รผberfordert. Und je jรผnger die Kinder waren, desto weniger konnten sie absehen, was gleich wieder ihre Lebenswelt umstรผlpt. Wir wรผnschen uns doch alle, dass es mit so einer Anspannung vorbei ist. Wenn wir alle nur im Kopf haben, dass wir da anschlieรen mรผssen, wo wir vor der Pandemie waren, haben wir nichts gelernt.
Walper: Deshalb finde ich es auch sehr gefรคhrlich, von einer verlorenen Generation zu sprechen. Dann verabschieden wir uns gleich von der Idee, dass Jugendliche auch resilient sein kรถnnen. Aber der Druck, der aus dem Bildungssystem kommt, ist fรผr viele fatal. Schon im ersten Lockdown hat das Thema Bildung die Jugendlichen am meisten beschรคftigt. Selten hatten wir ein Thema, das so รผbereinstimmend in den offenen Angaben in unseren Fragebรถgen auftauchte. Fรผr fast die Hรคlfte der Jugendlichen war das der groรe Aufreger: Was wird aus mir? Habe ich รผberhaupt noch eine faire Chance? Und je nรคher sie an einem Abschluss sind, der in die nรคchste Bildungsetappe fรผhren soll, desto stรคrker beschรคftigt es sie. Ich glaube, die Kinder- und Jugendarbeit muss dringend wieder an den Start, um den Schรผlerinnen und Schรผlern mit ihren Angeboten andere Erfahrungen von Gemeinschaft, Spiel und Kreativitรคt zu vermitteln. Auch da hat vieles brachgelegen. Dass die Kinder- und Jugendhilfe wirklich systemrelevant ist, musste erstmal kommuniziert werden.
Frenzel: Es ist jetzt รผberall angekommen, dass die Schulen offen bleiben sollten. Es kann schon etwas zu einer neuen Unbeschwertheit beitragen, wenn man sich darauf verlassen kann, dass die Schulen nicht wieder dichtmachen.
Bevor das Virus kam, gab es ja weltweit in Teilen der Jugend eine enorme Aufbruchstimmung. Fridays for Future zum Beispiel war auf dem Weg zu einer echten Massenbewegung. Dann war notgedrungen Funkstille. Kann jetzt so was wie ein dauerhaft erfolgreicher Restart gelingen? Oder haben wir es โ Stichwort Lebensgefรผhl โ nach Corona zwar nicht mit einer verlorenen, aber doch einer verhaltenen Generation zu tun?
Walper: Ja, das wird schon beschrieben, dass es einige Jugendlichen durchaus รberwindung kostet, wieder auf andere unbeschwert zuzugehen. Aber gerade solche Ideen, Themen und Werthaltungen, fรผr die Jugendliche sich engagieren, kรถnnen die Brรผcke bilden. Ich bin sehr zuversichtlich, dass diese Bewegungen und die Auseinandersetzung รผber politische oder รถkologische Themen Jugendliche wieder zusammenbringen und ihnen den nรถtigen Schwung geben.
Schulte-Kรถrne: Erst einmal muss diese Phase der Depression รผberwunden werden. Das wird nicht so leicht gelingen. Aber vielleicht ist es auch fรผr die gesamte Gesellschaft nicht so schlecht, wenn sie sich nicht darauf verlassen kann, dass der jugendliche Elan es schon richtet, sondern es angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen gemeinsame Initiativen brรคuchte. Nicht hier die Jugendlichen, dort die Erwachsenen.
Moderation: Hubert Filser und Martin Thurau

Prof. Dr. Anne Frenzel
ist Professorin fรผr Pรคdagogische Psychologie und Learning Sciences am Department Psychologie der LMU. Frenzel, Jahrgang 1977, studierte Psychologie an der Universitรคt Wรผrzburg und an der LMU. Sie wurde an der LMU promoviert und habilitierte sich auch dort. Sie war als Professorin an der Universitรคt Augsburg in der Lehrerbildung tรคtig, bevor sie an die LMU zurรผckkehrte, wo sie nun Akademische Direktorin des Master-Programms โPsychology: Learning Sciencesโ und Ko-Direktorin der Graduiertenausbildung in den Learning Sciences ist.
Prof. Dr. med. Gerd Schulte-Kรถrne
ist Inhaber des Lehrstuhls fรผr Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie sowie Direktor der Klinik und Poliklinik fรผr Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am LMU Klinikum. Schulte-Kรถrne, Jahrgang 1961, studierte Medizin an der RWTH Aachen und der Universitรคt Marburg, Promotion und Habilitation an der Universtitรคt Marburg. Er hat die Website www.ich-bin-alles.de maรgeblich mitentwickelt, die Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern wichtige Informationen zur psychischen Gesundheit und zur Depression gibt.


Prof. Dr. Sabine Walper
ist Direktorin des Deutschen Jugendinstituts (DJI), Mรผnchen, und Professorin fรผr Pรคdagogik mit dem Schwerpunkt Jugendforschung an der LMU (beurlaubt). Walper, Jahrgang 1956, hat Psychologie und Pรคdagogik an der Universitรคt Dรผsseldorf, an der TU Berlin und an der University of California in Berkeley studiert. Sie wurde an der TU Berlin promoviert und hat sich an der LMU in Psychologie habilitiert. Seit 2012 war sie zunรคchst Forschungsdirektorin am DJI, bevor sie dort 2021 zur Direktorin berufen wurde. (Foto: Andreas Obermeier)














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