Nüchterne Sprache, ernüchterndes Ergebnis: āZwei Drittel der Bürgerinnen und Bürger finden, dass es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland eher schlecht bestellt ist.ā Mit diesem Befund ging das Meinungsforschungsinstitut Infratest Dimap im November 2022 an die Ćffentlichkeit. Der Sozialpsychologe Mario Gollwitzer sieht in einem solchen Umfrage-Ergebnis durchaus ein Warnsignal. Er rƤt allerdings auch zur Vorsicht, die Aussage nicht überzuinterpretieren. Bei der Formulierung von Befragungen ist aus seiner Sicht viel Bedacht nƶtig. Allein die Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt kƶnne bei den Befragten einen mentalen Prozess in Gang setzen: āGehƶre ich zu denen, die eine Spaltung sehen? Oder zu den anderen?ā Und schon ordnet sich jemand einer Gruppe zu und grenzt sich von einer anderen ein wenig ab.
Sich selbst in der Gesellschaft an einer bestimmten Stelle zu verorten und sich mit anderen zu identifizieren, ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis, zu allen Zeiten und überall auf der Welt, stellt Gollwitzer fest: āIrgendwo dazuzugehƶren, Teil einer Gruppe zu sein, und dort auch die Rückmeldung zu bekommen: Du bist ein akzeptiertes Mitglied.ā Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis erforschen Sozialpsychologen wie Gollwitzer unter anderem, was Menschen miteinander verbindet und voneinander trennt, was Gesellschaften stabilisiert und was sie erschüttert.
Streben nach Kontrolle
Neben dem Bedürfnis, sich einer Gruppe zuordnen zu kƶnnen, hat die Sozialpsychologie weitere Grundbedürfnisse der Menschen in modernen Gesellschaften herausgearbeitet: Etwa das Gefühl, frei und autonom entscheiden zu kƶnnen. Schwer verzichtbar sind für viele Menschen auch Vorhersehbarkeit und StabilitƤt. Gerade das Bedürfnis, absehen zu kƶnnen, was auf sie zukommt, werde in letzter Zeit allerdings nicht gerade gestillt, glaubt Gollwitzer: āUmbrüche wie die Corona-, die Klimakrise oder der Krieg sind immer eine Bedrohung für unser Streben nach StabilitƤt, Ordnung, Vorhersehbarkeit und Kontrolle.ā Gleichzeitig beobachtet der LMU-Forscher ein stƤrkeres Lagerdenken als in früheren Jahrzehnten.
Natürlich hat es immer schon bei vielen Fragen eine gesellschaftliche Aufspaltung gegeben. Etwa in den 1980er-Jahren: āBist du für oder gegen die Nato-Nachrüstung? Bist du für oder gegen Atomkraft?ā Aber āinzwischenā, so sagt Gollwitzer, āsortiert sich die gesamte Gesellschaft immer stƤrker in Gruppen, die sich über Abgrenzung von anderen definieren: die Rechten, die Linken. Die Querdenker, die Normaldenker. Die Generation Z und die Boomer. Die letzte Generation und die SUV-Fahrer.ā Die Kommunikation über soziale Netzwerke tut ihren Teil dazu: āĆber eine limitierte Zeichenzahl lƤsst sich KomplexitƤt nur begrenzt ausdrückenā, sagt Gollwitzer.
Opferrolle als SelbstbildĀ
Gleichzeitig beobachtet er eine stƤrkere Tendenz, sich als Opfer anderer gesellschaftlicher Gruppen zu sehen. Diese Beobachtung will er mit seinem Kollegen Karsten Fischer vom Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft der LMU tiefer ergründen. In einem Forschungsprojekt gehen sie einem PhƤnomen nach, das die US-Soziologen Bradley Campbell und Jason Manning in den Buchtitel The rise of Victimhood Culture gefasst haben. Gollwitzer findet den englischen Begriff āVictimhood Cultureā allerdings etwas problematisch. Denn die Idee einer āOpfer-Kulturā oder gar eines āOpfer-Kultsā verkürzt aus seiner Sicht doch arg die Vielschichtigkeit des PhƤnomens, das dahintersteht. Was ihn besonders interessiert, ist die Frage, wie ein solcher Kulturwandel ā wenn es ihn denn gibt ā in den Kƶpfen der einzelnen Menschen genau reprƤsentiert ist. Die Arbeitshypothese: Wenn es eine solche āOpfer-Kulturā wirklich gibt, müsste auch die individuelle SensibilitƤt für Ungerechtigkeit in den letzten 20 Jahren angestiegen sein. Ob es hierfür empirische Hinweise gibt, wollen Gollwitzer und sein Team nun herausfinden.

Wie prägen aber nun Opfer-Narrative die politische Landschaft Deutschlands, und wie verändern sich diese Haltungen? Dafür gehen die Forscher Wahl- und Parteiprogramme der letzten fünf Bundestagswahlen durch und untersuchen die entsprechenden Texte aller Parteien. Gollwitzer vermutet, dass Opfer-Narrative stärker an den politischen Rändern zu finden sind als in der Mitte. Und erste Befunde zeigen auch in diese Richtung.
Gefangen im Ungerechtigkeits-Daueralarm
Die Botschaft āMeine Gruppe wird von anderen Gruppen benachteiligt, bevormundet, ihrer Freiheit beraubtā kann allerdings nur verfangen, wenn Menschen für solche Ideen empfƤnglich sind. Und hier untersucht Gollwitzer schon seit LƤngerem das, was in der Sozialpsychologie als āUngerechtigkeits-SensibilitƤt aus der Opferperspektiveā – oder kurz: āOpfersensibilitƤtā ā diskutiert wird: āDas sind Leute, die mit einer Art Alarmsystem durchs Leben gehen und der Meinung sind, dass überall die Gefahr lauert, ausgenutzt zu werden, hintergangen zu werden, schlecht behandelt zu werden.ā Menschen mit diesem Alarmsystem seien wiederum besonders anfƤllig für Opfer-Narrative.
Um eine besonders ausgeprƤgte āOpfersensibilitƤtā zu erkennen, sind laut Gollwitzer Befragungen gut geeignet. Dabei sei es wichtig, die Fragen so wenig suggestiv wie mƶglich zu formulieren. Fragen kƶnnen dann beispielsweise lauten, ob Menschen SƤtzen wie diesen zustimmen: āEs geht mir lange nach, wenn ich schlechter behandelt werde als andere.ā Oder auch: āEs macht mir zu schaffen, wenn ich sehe, dass andere Menschen bevorzugt werden und ich benachteiligt werde.ā
Die Illusion der objektiven Gerechtigkeit
Die Frage āWerde ich gerecht behandelt?ā geht allerdings mit einer weiteren Frage einher: āWas ist gerecht?ā Und auf diese Frage gibt es keine klare Antwort. Wenn beispielsweise eine Ressource unter mehreren Menschen zu verteilen ist, gibt es mehrere Prinzipien, die alle ihre Berechtigung haben. So kƶnnte man zum Beispiel das Gleichheitsprinzip anwenden: Alle bekommen gleich viel. Ein Beispiel wƤre die Energiekostenpauschale für Studierende, die für alle gleich hoch ausgefallen ist, egal ob sie aus einem MillionƤrs-Elternhaus oder aus einem Elternhaus von Grundsicherungsbeziehern kommen.
āUmbrüche wie die Corona-, die Klimakrise oder der Krieg sind immer eine Bedrohung für unser Streben nach StabilitƤt, Ordnung, Vorhersehbarkeit und Kontrolle.ā
Aber auch das Bedürftigkeitsprinzip kann als gerecht gelten: So erhalten Bezieher von BAföG oder Wohngeld einen erhöhten Heizkostenzuschuss. Voraussetzung ist bei diesem Prinzip allerdings stets, dass die Bedürftigkeit geprüft werden muss, was nicht ohne bürokratischen Aufwand zu leisten ist. Als eine dritte Form der Verwirklichung von Gerechtigkeit gilt das Beitragsprinzip. So gilt in Deutschland in der Rentenversicherung als gerecht: Wer mehr eingezahlt hat, erhält später eine entsprechend höhere Leistung, unabhängig davon, ob er etwa nach einem Berufsleben mit hohem Einkommen hohe Altersbezüge wirklich braucht.
Politik in komplexen Gesellschaften sieht Gollwitzer dabei in einer Dilemma-Situation: āDenn diese drei genannten Gerechtigkeitsprinzipien schlieĆen einander logisch aus.ā Das Gleichheitsprinzip widerspricht dem Bedürftigkeitsprinzip. Und beide widersprechen wiederum jeweils dem Beitragsprinzip. Deswegen bedeutet Politik, immer wieder neu zu entscheiden, welches Gerechtigkeitsprinzip auf welchem Feld in welcher Form angewandt werden soll, und dabei immer wieder Kompromisse zu schlieĆen.
Der Irrtum, der Kuchen bleibe immer gleich groĆ
Politik muss sich dabei, sagt Gollwitzer, mit einigen sozialpsychologischen Grundkonstanten auseinandersetzen. So ist ein PhƤnomen inzwischen gründlich erforscht, das im englischen Sprachraum den Namen āFixed-Pie-Biasā bekommen hat: Menschen neigen zu der Fehl-Annahme, der Kuchen, der verteilt werden kann, bleibe immer gleich groĆ. Was dazu führen würde, dass dann, wenn neue Gruppen einen Teil vom Kuchen wollen, andere bereits etablierte Gruppen jeweils kleinere Stücke bekommen.

ZusƤtzliche Bedürfnisse bestimmter Bevƶlkerungsgruppen zu befriedigen, wƤre dann also ausschlieĆlich mƶglich, wenn andere Bevƶlkerungsgruppen zurückstecken. Beispielsweise Zuwanderern ein gutes Leben zu ermƶglichen, ist nach dieser Wahrnehmung nur denkbar, wenn diejenigen, die schon im Land sind, kürzer kommen. Oder einer wachsenden Zahl von Rentnern ein gutes Leben zu gewƤhrleisten, wƤre nach der Idee des āFixed-Pie-Biasā nur mƶglich, wenn die BerufstƤgigen zurückstecken.
Doch dass in einer Volkswirtschaft mit stetig wachsender ProduktivitƤt und Wirtschaftsleistung der Kuchen immer grƶĆer wird, werde oft übersehen, stellt Gollwitzer fest. Entsprechend kƶnnen zusƤtzliche Kuchenstücke gegebenenfalls auch verteilt werden, ohne dass jemand weniger bekommt. āDas ist allerdings kognitiv etwas schwerer zu verarbeiten als die Idee einer festen Obergrenzeā, resümiert der Sozialpsychologe.
Dass die Angst, in einem Verteilungskonflikt zu kurz zu kommen, bestehende gesellschaftliche GrƤben vertieft oder überhaupt erst aufreiĆt, daran kann seiner Ansicht nach kaum Zweifel bestehen. Aber sinnvoll wƤre es aus Sicht der Sozialpsychologie, immer wieder deutlich zu machen, dass eben jedes Verteilungsprinzip seine Berechtigung hat und Kompromisse oft eine gute Lƶsung für einen Konflikt darstellen.
Zusammenhalt durch Feindschaft?
Zusammenhalt lƤsst sich aber auch noch auf andere Weise stƤrken, stellt Gollwitzer mit einem leichten Seufzen fest: āEine Gruppe kann man dann zusammenhalten, wenn man einen ƤuĆeren Feind produziert.ā Das lƤsst sich beispielsweise in Russland beobachten, āwo die ErzƤhlung, das Land müsse sich mit Gewalt gegen ƤuĆere Feinde zur Wehr setzen, in der Bevƶlkerung bislang stƤrker verfƤngt, als viele Menschen in westlichen LƤndern erwartet oder erhofft hattenā. Gleichzeitig habe der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, zumindest auf einer staatspolitischen Ebene, die MitgliedslƤnder der EuropƤischen Union wieder stƤrker zusammengebracht, glaubt Gollwitzer: āDas gilt als Angriff auf die westlichen Werte, also auf uns. Und das lƤsst die EU-Staaten oder die NATO wieder zusammenrücken.ā
Zusammenhalt zu leben ohne ƤuĆere Feinde oder ohne feindselige Abgrenzung von anderen Gruppen innerhalb der eigenen Gesellschaft, das wƤre für ein zivilisiertes Land natürlich das Erstrebenswerteste, findet Gollwitzer. Dazu aber müssten die Menschen Unsicherheit ebenso aushalten wie Verschiedenheit: āUnd das ist anstrengend. Doch eine gute Alternative dazu sehe ich nicht.ā
Nikolaus Nützel
Prof. Dr. Mario Gollwitzer ist Inhaber des Lehrstuhls für Sozialpsychologie am Department Psychologie der LMU. Gollwitzer, Jahrgang 1973, studierte Psychologie an der UniversitƤt Trier, wo er auch promoviert wurde, bevor er an die UniversitƤt Koblenz-Landau wechselte. Dort leitete er das Zentrum für Methoden, Diagnostik und Evaluation. Nach acht Jahren an der Philipps-UniversitƤt Marburg kam er 2018 an die LMU.Ā

















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