Archäologin Maria Rüegg erforscht römische Toilettensitten

Sit-in in der Prachtlatrine

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Der Gang auf die Toilette ist ein elementares menschliches Bedürfnis, aber recht viel mehr will man gemeinhin gar nicht wissen. Auch in der Wissenschaft war das lange so. Zu denen, die sich intensiver damit beschäftigen, gehört Maria Rüegg, Lehrbeauftragte am Institut für Klassische Archäologie der LMU. Sie hat sich im Rahmen ihres Studiums der Archäologie und Kunstgeschichte unter anderem eingehend mit „Prachtlatrinen“ aus der Römerzeit befasst.

Für Touristen sind sie sehr schön anzusehen und ein ausgefallener Hintergrund für Selfies: die öffentlichen Toiletten der Römerzeit, die in vielen Reiseprospekten und auf Bildern zu finden sind. Maria Rüegg war von ihnen ebenfalls begeistert – aber aus wissenschaftlichem Interesse: Im Rahmen ihres Studiums der Archäologie befasste sich die 27-Jährige mit der „urbanistischen Verortung“ öffentlicher Bauten der Römerzeit, mit Häusern, Straßen, Heiligtümern und sanitären Anlagen, wo diese im städtischen Gefüge zu finden sind und wie sie miteinander in Beziehung stehen. Und hier stieß sie auf die öffentlichen Toiletten – oder Latrinen. Sie wurden an Straßen, auf Plätzen oder in Thermen gebaut, als offene Räume mit 20, 30 oder sogar 60 Sitzen, häufig mit Marmor ausgeschmückt und gut durchlüftet. „Prachtlatrinen“ eben. „Das fand ich so interessant“, sagt die Lehrbeauftragte, „dass ich meine Bachelorarbeit darüberschreiben wollte.“

„Ihre Hochzeit hatten diese Toiletten im zweiten Jahrhundert nach Christus“, erzählt sie. „Sie standen in vielen römischen Städten, zum Beispiel in Ostia, der Hafenstadt des antiken Rom. Es gab sie in anderen Gebieten wie im römisch besiedelten Nordafrika, Griechenland und dem heutigen Süddeutschland.“ Für ihre Bachelorarbeit griff die Lehrbeauftragte drei Latrinen heraus, eine in Ostia und zwei an der türkischen Westküste, in Ephesos und Pergamon.
Was besonders auffällt und für heutige Betrachtende ungewohnt ist: Die Sitze waren eng beieinander und hatten keinen Sichtschutz, von wegen stilles Örtchen. Für Rüegg „ein Hinweis darauf, dass die Menschen damals mit dem Stuhlgang weniger schambehaftet umgingen. Man sah und wurde gesehen und konnte miteinander reden.“ Möglicherweise haben sich Leute sogar dort verabredet, um sich zu unterhalten, oder es einfach dem Zufall überlassen, wen man trifft.
Unbefangener Umgang mit Exkrementen: War es in Mitteleuropa noch lange so, dass in Städten Nachttöpfe ungeniert auf der Straße geleert wurden, es in Schlössern wie Versailles keine Toiletten gab und auch der König sich mehr oder weniger öffentlich erleichterte? „Nun ja“, entgegnet Maria Rüegg, „in der Antike war auch nicht alles ganz so sauber. Den Nachttopf auf die Straße oder gar aus dem Fenster auf die Köpfe von Vorbeikommenden zu leeren, gab es auch da.“ Im Grunde konnte aber fast jeder auf die öffentliche Latrine gehen, fügt sie hinzu, doch es sei noch nicht ganz geklärt, ob es da soziale Unterschiede gab. „Doch eine gewisse Trennung ist anzunehmen, sodass nicht direkt Senator neben Sklave saß – aber das hing sicher auch von Zeit und Ort ab.“

Die Toilette als Thron

Nach dem Untergang des Römischen Reiches seien die meisten Latrinen verfallen oder verschüttet und bei Ausgrabungen vor allem ab dem 19. Jahrhundert wiederentdeckt und allmählich restauriert worden. „Genauer befasst hat man sich damit aber erst in den letzten Jahrzehnten. Es wird weiter geforscht, denn es ist ja interessant, wie die Menschen damit umgingen, wie das Wasser für die Latrinen herangeschafft und wieder entsorgt wurde.“ Diese Forschung finde meist in archäologischen Parks bei den antiken Stätten wie in Ostia bei Rom statt.
Maria Rüegg stieß auch noch auf eine andere römische Hinterlassenschaft mit spannender Geschichte: zwei wunderschöne identische Toilettenthrone aus rotem Marmor. „Ursprünglich wurden sie auch als solche benutzt“ erläutert sie. „Jemand setzte sich drauf, und die Fäkalien landeten entweder direkt in der Kanalisation oder in einem untergeschobenen Nachttopf.“ Allerdings konzentrierte sie sich in dieser Abschlussarbeit in der Kunstgeschichte nicht auf ihre Funktion in der Antike, sondern auf die Frage, wie sie später auf ganz andere Weise genutzt wurden.

Napoleon nahm die Toilettenstühle als Kriegsbeute von Rom mit nach Frankreich. Einer davon ist immer noch im Louvre zu sehen.

Ursprünglich hätten die beiden Exemplare wohl in einer Stadtvilla der römischen Elite gestanden, seien aber im 11. Jahrhundert im Lateranpalast aufgetaucht, dem hauptsächlichen Wohnsitz des Papstes. Die neugewählten Oberhäupter der katholischen Kirche seien jeweils hier gekrönt worden. Es sei, betont die Studentin, nicht so gewesen, dass der Papst praktisch auf einem Nachtstuhl residierte. „Der Prachtstuhl diente ausschließlich als Thron. Es kam möglicherweise ein Kissen darauf, das Loch war verdeckt und verlor seine ursprüngliche Bedeutung. Wenn der Papst in vollem Ornat darauf saß, war die alte Funktion überhaupt nicht mehr zu erkennen.“
Doch sie wurden auch auf ganz andere Weise genutzt: „Im 13. Jahrhundert kam der Mythos der Päpstin auf, und damit wird der Thron in anderer Hinsicht interessant“, schildert Rüegg. „Vor allem in papstkritischen Kreisen wurde kolportiert, der Stuhl werde genutzt, um heimlich das Geschlecht des neugewählten Pontifex zu überprüfen.“
Dafür sei diesem Mythos zufolge wieder das Loch ins Spiel gekommen. Es habe dem neu gewählten Papst erspart, sich ganz entblößen zu müssen. „Laut dem Mythos setzte er sich hinter auf den Stuhl, und ein Angestellter griff von unten rein, um zu ertasten, ob da etwas sei. Und wenn da etwas war, rief er aus: ‚Habet testiculos duos et bene pendentes‘…(‚Er hat zwei Hoden und sie hängen schön‘), worauf der Klerus ‚Deo gratias‘ antwortete.“ Damit sei der Klerus vollauf zufrieden gewesen und habe den Papst krönen können.

Nach Einschätzung der Studentin wurde der Ritus vermutlich nie durchgeführt. Aber er sei ein Mittel der Kritiker gewesen, das Oberhaupt der Kirche lächerlich zu machen und es zugleich zu diffamieren: Wie könne der Papst unfehlbar sein, wenn es eine Päpstin gegeben habe? Diese Zeremonie habe sich immerhin, „vermutlich, weil sie so lustig und absurd wirkt, bis heute in der Popkultur erhalten, beispielsweise in der Serie „Die Borgias“ oder im Nachwort zum Roman Die Päpstin von Donna Woolfolk Cross“.

Toilettenstuhl als Kriegsbeute

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurden die Throne im Lateranpalast nicht mehr benutzt und kamen 1777 in das vatikanische Museo Pio Clementino. „Von einer kirchlichen Nutzung war da nicht mehr die Rede, von der früheren Funktion als Toilettenstuhl erst recht nicht, sie galten einfach als antike musealisierte Kaiserthrone“, sagt Maria Rüegg. Napoleon habe sie während der sechsjährigen französischen Herrschaft in Rom bei einem Streifzug durch die Museen entdeckt und einen ebenso wie viele andere wertvolle Antiquitäten 1814 als Kriegsbeute mit nach Paris genommen.
Im Louvre ist nun einer der beiden immer noch zu sehen, auf dessen Geschichte und Funktion wird aber nicht so genau eingegangen. „Aber genau diesen Wandel in der Bedeutung wollte ich mit meiner Arbeit deutlich machen“, betont die Studentin.
Die Forschung hatte diesen Wandel vor allem in Bezug auf den im Vatikanmuseum verbliebenen Stuhl lange verschwiegen. „Sie zog bis ins 20. Jahrhundert hinein weniger anrüchige Interpretationen vor, bezeichnete sie als Throne, Bade- oder Gebärstühle, nur nicht als Toi-lettenstühle.“ Das liege nach Meinung der Autorin „nicht zwingend an einem unausgereiften Forschungsstand, sondern auch an einer fehlenden Bereitschaft, profane und mit Scham besetzte Themenfelder wie den Stuhlgang zu bearbeiten. Die Forschung ist eben auch durch gesellschaftliche Normen stark geprägt.“ Gut für die Wissenschaft, dass Maria Rüegg solche Scheu nicht kennt.

fue

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