Colophon-Projekt

Mal ganz woanders landen…

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Praxis und Theorie: Dazwischen können Welten liegen. Umso spannender, beides zu verbinden. Im Colophon-Projekt kooperieren angehende Künstler und Künstlerinnen mit Studierenden der Kunstgeschichte. Das Ergebnis: Ein Heft, das wie eine Zeitschrift aussieht, aber eigentlich viel mehr ist …

Display: Damit ist meistens der Handy- oder Computerbildschirm gemeint, in den man vor allem in der Pandemie viel zu häufig geschaut hat. In der Kunstgeschichte bedeutet Display allerdings etwas anderes, wie Magdalena Becker und Niklas Wolf erklären, nämlich „die Art und Weise, wie Artefakte und Kunstwerke in Ausstellungssituationen präsentiert werden“.

Becker ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der Bildenden Künste und Mitherausgeberin der im Sommer erstmals erschienenen Zeitschrift Colophon, die sich das Thema „Display“ vorgenommen hat. Wobei man ruhig daran zweifeln darf, ob der Begriff „Zeitschrift“ den Charakter dieses außergewöhnlichen Projekts, das die beiden gemeinsam mit Daniela Stöppel von der LMU vor rund einem Jahr anschoben, überhaupt trifft.

Colophon sieht zwar durchaus wie eine geheftete Zeitung aus. Aber eigentlich handelt es sich um das Ergebnis eines künstlerisch-wissenschaftlichen Experiments zweier Institute. Und zwar eines Experiments, das, so Niklas Wolf, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kunstgeschichte der LMU und zweiter Herausgeber der ersten Ausgabe, „hervorragend funktioniert hat – mit allen Stolpersteinen, die im Weg lagen“.

Zwar ist der institutionelle Graben zwischen studierenden Künstlern und studierenden Kunsthistorikern nicht allzu tief, wie die Herausgeber erklären. Ganz im Gegenteil – die Überschneidungen seien groß. Aber ein Raum zum Kennenlernen innerhalb des regulären Studiums fehlte bislang doch. Das Anliegen, sich endlich auch mal ganz praktisch fachlich auszutauschen, lag damit „in der Luft“, erzählt Magdalena Becker. „Von allen Seiten war zu hören, dass ein Austausch schön wäre.“ Darum ist das Heft, das die beiden an einem sonnigen Tag auf den Stufen der Akademie in den Händen halten, auch „ein Dokument der Kooperation“, wie es in Grün gedruckt auf der Frontseite heißt, „eine Verhandlungsfläche von künstlerisch-gestalterischen und wissenschaftlich-textlichen Arbeitsprozessen“.

Schnell waren Becker und Wolf übereingekommen, was sie sich unter „Austausch“ vorstellten: Etwas Nachhaltiges solle gemacht, eine Zusammenarbeit auf Dauer angelegt und das Ergebnis in einer Ausstellung präsentiert werden. Die Idee zur Zeitschrift entstand, man wollte „der Bildschirmerschöpfung begegnen und am Ende etwas Greifbares in den Händen halten“, sagt Becker.

Längere Brainstormings gingen der Namensfindung voraus. Colophon: Das ist, was wohl die wenigsten parat haben, gleichbedeutend mit „Impressum“. Aber ein vergnügtes Spiel mit Doppeldeutigkeiten lässt sich ebenfalls mit dem Titel anstellen. Denn auch eine Käfergattung firmiert unter dem Namen Colophon, weswegen ein gestempelter Käfer durchs Heft spaziert.

Um die Sache konkret zu machen, entschied man sich, am Institut für Kunstgeschichte und der Akademie der Bildenden Künste eine gemeinsame Übung anzubieten für jeweils zehn Teilnehmer und Teilnehmerinnen von LMU und Kunstakademie. An der Akademie selbst wiederum sollte ein von Martin Schmidl geleitetes Seminar für Grafiker und Grafikerinnen entstehen, die an der Heftgestaltung beteiligt würden. Die Zeitschrift würde eine ordentliche ISBN-Nummer erhalten und im Münchner Hammann von Mier-Verlag verlegt werden, den zwei Absolventinnen der Akademie in München gegründet haben.

Das Konzept überzeugte. Es gelang, sowohl die Institute als auch die Freundeskreise derselben für das Gemeinschaftsprojekt einzunehmen. „Was die finanzielle Unterstützung angeht, sind wir von unseren Förderpartnern mit sehr offenen Armen empfangen worden“, so Magdalena Becker.

Colophon will ausdrücklich auch eine Publikations-plattform für Nachwuchswissenschaftler und Nachwuchswissenschaftlerinnen sein.

Theorie meets Praxis

In der Folge trafen ein Semester lang Studierende der Akademie der Bildenden Künste mit Studierenden der Kunstgeschichte (und anderer Fächer) der LMU zusammen. Darunter auch Milan Jack Mulzer, der eine Ausbildung zum Holzbildhauer in der Tasche hat und im dritten Semester an der Akademie freie Kunst und Bildhauerei studiert, und seine Tandempartnerin Mascha Salgado de Matos, die in ihrem Kunstgeschichte-Master steckt.

Ein Praktiker und eine Theoretikerin also. Aber festschreiben will man im Projekt die Rollen nicht. Im Gegenteil: Mit ihnen darf gespielt, die Strukturen können aufgebrochen werden, erklärt Niklas Wolf. Mulzer und Salgado de Matos haben sich in ihrer Arbeit trotzdem an ihre traditionellen Rollen gehalten. Nach einigen Wochen Gespräch und Diskussion entschied Mascha Salgado de Matos, ein Doppelinterview zu veröffentlichen: ein Gespräch, das sich aus publizierten Zitaten des verstorbenen Konzeptkünstlers Walter de Maria und aktuellen Antworten von Milan Jack Mulzer zusammensetzt. Mulzer zeichnete einige von de Marias sowie eigene Arbeiten ab und integrierte sie im Text. Das Ergebnis entspricht zwar nicht ganz den Vorstellungen, die sich beide zu Anfang gemacht hatten, denn zuletzt musste alles, wie das so ist, doch ziemlich schnell gehen. Aber Milan findet trotzdem: „Wir hatten Spaß! Und es kommt gut rüber, was wir wollten.“

Repräsentationsplattform für Nachwuchswissenschaftler

Für Mascha Salgado de Matos war es spannend, mal nicht an einer herkömmlichen kunsthistorischen Arbeit zu sitzen. „Ich habe zwar ganz klassisch recherchiert und zitiert, dann aber den wissenschaftlichen Apparat überführt in eine andere Arbeit. So bin ich ganz woanders gelandet.“ Strikt wissenschaftliche Texte sind im Heft allerdings auch enthalten, denn Colophon will ausdrücklich auch eine Publikationsplattform für Nachwuchswissenschaftler und Nachwuchswissenschaftlerinnen sein.

Im Wintersemester 2021/22 geht die Kooperation in die nächste Runde. Abermals wird eine Übung mit zwanzig Plätzen angeboten, abermals müssen aller Wahrscheinlichkeit nach einige Interessenten und Interessentinnen abgewiesen werden. Das Thema der Nummer 2 von Colophon steht bereits fest: Atlas.

(goe)

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